//
Programm:
Splitter Orchester: Improvisation
Jean-Luc Guionnet: Vollbild (2018, DE) für Splitter Orchester
//

Das Stück »Vollbild« von Jean-Luc Guionnet ist eigens für das Splitter Orchester entstanden und wurde im August 2018 beim Festival météo in Mulhouse uraufgeführt. Im Radialsystem erlebt das Stück im Rahmen der Veranstaltungsreihe »New Empathies« seine Berliner Premiere.

»Vollbild« ist inspiriert von der Groteskenmalerei der Renaissance. Die Gemälde sind häufig achsensymmetrisch angelegt, weisen bei genauerer Betrachtung aber eine Vielzahl an – bewusst gesetzten – Unregelmäßigkeiten auf. Jean-Luc Guionnet überträgt dieses Prinzip auf das Splitter Orchester und seine spezielle Klanglichkeit: die Musiker werden weitestmöglich voneinander entfernt auf der Bühne platziert, Schlagzeuge und Klavier bilden die mittige Spiegelachse, um die sich die gebrochene Symmetrie anordnet – das Klarinettenquartett auf der linken Bühnenseite korrespondiert mit dem Clavinet auf der rechten Seite, ebenso sind Violine und Gitarre, Flöte und Trompete verbunden. Das Stück selbst folgt ebenfalls einem zweiteiligen Aufbau, sein zweiter Teil ist eine Wiederkehr des ersten, aber durch einen unzuverlässigen Spiegel gehört.

Durch die starken Setzungen in Bezug auf Struktur, räumliche Anordnung und mögliche Interaktionen zwischen den Musiker*innen nimmt die Komposition deutlichen Einfluss auf den Klang des Splitter Orchesters und lässt das Ensemble in einer ungewöhnlichen und bisher nie dagewesenen Weise hörbar werden. Als Kontrast präsentiert das Splitter Orchester eine neue kollektive Improvisation, der ein abweichender räumlicher Aufbau zugrunde liegt. Das Stück ist gleichzeitig Reaktion auf »Vollbild«, davon aber auch eigenständig zu hören.

Das Konzert ist Teil der Veranstaltungsreihe “New Empathies” im Radialsystem, die Möglichkeiten einer Praxis des Empathischen untersucht und den Körper in seiner Beziehung zu anderen Körpern, zur Objekthaften Welt, zum Raum und zum Verstand ins Zentrum stellt. Der Körper wird dabei als Katalysator des menschlichen Erlebens begriffen, als Grenzbereich zwischen dem sich selbst aktualisierenden und organisierten Individuum und einem Außen, das organisiert und erlebbar gemacht werden will. Besonderes Augenmerk kommt dem Moment zuteil, an dem dieser Grenzbereich durchlässig, der Körper porös wird und sich die Relationen zwischen Innen und Außen verflüssigen.

Gefördert durch die Initiative Neue Musik Berlin / field notes.
Mit freundlicher Unterstützung von: Radialsystem und Steinway & Sons