Date
Friday | 14.02.20  
Past Show
Show Time
21:00   (Door 20:00)
Price
12,00
GENRES
Venue
Kantine am Berghain | Am Wriezener Bahnhof, 10243
 

„Stell Dein Fahrrad an die Mauer, sie ist noch warm von der Sonne, wir sollten nett zu diesen Leuten sein“, mit diesen Worten beginnt Jakob Dobers Solodebütalbum „Der Rest vom Licht“.

Und irgendwie steckt bereits die Essenz seiner ganzen Poesie in diesen ersten Songzeilen. Aber da wären auch gleich ein paar kratzende Fragen, die er mit ihnen aufwirft:
Ja, warum sollte man sein Fahrrad an eine warme Wand stellen, das kann dem Fahrrad doch egal sein.

Dobers Songpoesie ist immerzu voll von politischen Anspielungen und Bildern, die aber wiederkehrend von seinen alltäglichen Beobachtungen und den daraus resultierenden Assoziationen gekreuzt werden. Plötzlich will er eben doch lieber über Pferde singen!

Das hat Dobers schon in den Neunzigerjahren in den Liedern seiner Band Zimtfisch so gemacht. Sie veröffentlichten sogar eine Platte bei Alfred Hilsbergs legendärem Zickzack-Label, aber dann verschwanden sie wieder in den Second-Hand-Regalen des Lebens. Dobers gründete dann zusammen mit Anne Von Keller das mittlerweile zum Duo geschrumpfte Trio Sorry Gilberto.

Nun also sein Solo–Debüt-Album im zarten Alter von 50. Das muss man auch erstmal bringen. Aber all die Weisheit, die in all diesen 13 Songs steckt, diese erstaunliche Beobachtungsgabe,
ja dieses Zen-buddhistische, freie floaten im Fluss des Lebens, das alles erfordert nicht nur Talent und eine große Bereitschaft, sondern vor allem sehr lange Reifeprozesse. Abertausende von Songzeilen und Kadenzen.

„Der Rest vom Licht“ ist natürlich auch eine Berlinplatte. Seine Protagonisten sind allesamt Stadtbewohner. Der Mieten sind hoch.
1991 kam Jakob Dobers aus Hamburg hierher. Mutantenstadt nennt er die Metropole in einem Song. Mutanten. Durch Mutation veränderte Individuen.
Ihren ganzen Wandel hat er beobachtet in den letzten Jahren. Man gewinnt auf „Der Rest vom Licht“ oft den Eindruck, Dobers habe sich fast 30 Jahre für uns auf einer Parkbank niedergelassen. Als poetischer Chronist der mehr als merkwürdigen Veränderungen dieser Stadt.
Er selbst sieht jedenfalls mittlerweile so aus wie Allen Ginsberg.

„Der Rest vom Licht“ wendet sich darum an alle Musikliebhaber auf dem Land und in den Städten, für die das Leben kein Investment, sondern immer noch ein großes Wunder ist.
Das Gewicht der Worte auf diesem Album ist bei aller thematischer Schwere federleicht, das liegt natürlich auch am funky Indiefolk zwischen The Modern Lovers und Die Sterne, und völlig egal ob Jakob Dobers nun gerade über Diebstahl, Hyänen oder das Wetter singt, am Ende findet sich bei ihm das große Ganze eben immer auch im unendlich Kleinen wieder.
Wenn nur etwas Licht hineindringt. (Maurice Summen)

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